Benjamin Stangl
Öffentlicher Raum
Gegenstand
der Untersuchung ist die nordöstliche Seite der Philadelphiabrücke in
Meidling, dem 12. Bezirk Wiens. Dieser Platz ohne offizielle
Namensbezeichnung ist ein typisch vorstädtischer Bereich, der -
ursprünglich natürlich gewachsen aus mehreren dörflichen Siedlungen am
Wienfluss - immer mehr ein Ort bewusster Planung geworden ist. Heute ist
die Philadelphiabrücke - der Name "Philadelphia" erinnert an die erste
Lokomotive der Südbahn mit dem Namen Philadelphia - Durchgangsbahnhof
der Südbahn und eine wichtiger Verkehrsknotenpunkt, wo sich U-Bahn,
mehrere Autobus- und Straßenbahnenlinien kreuzen. Der Platz kann
auch als das Ende der Meidlinger Hauptstraße, einer Einkaufsstraße mit
Fußgängerzone, gesehen werden. Dadurch wird dieser Bereich kaum bewusst
als Platz genutzt und wahrgenommen, sondern stellt eine Umstiegsstelle
zwischen öffentlichen Verkehrsmitteln dar, den die Benutzer eiligen
Schrittes durchqueren, wenn sie nicht kurz anhalten, um bei einem meist
fremdländischen Zeitungsverkäufer ein Exemplar zu erwerben.
Ende des zweiten Weltkriegs war der Meidlinger Bahnhof Ziel zahlreicher Bombenangriffe, die zwar den Bahnhof verfehlt, jedoch die umliegenden Gebäude schwer beschädigt hatten. Der anschließende Wiederaufbau veränderte wenig an der Binnenstruktur, denn die "unterirdische Stadt", die weit gehend unversehrt geblieben war, und ökonomische Gründe bedingten den Aufbau an alter Stelle (vgl. Siebel 2004, S. 42). Heute prägt das Umgebungsbild der soziale Wohnungsbau, der unverkennbar die Handschrift des "roten Wien" trägt.
An
der Längsseite des Platzes lag früher ein Revue-Theater, das
"Philadelphia", das nach dem zweiten Weltkrieg in ein Kino umgewandelt
wurde. An dieser Stelle befindet sich heute die "Arcade Meidling", ein
multifunktionales Zentrum mit Einkaufspassage, Fastfood Restaurants,
Stadtbibliothek und Bürogebäuden. Einen Großteil der Geschäftslokale
(z.B. Spar, ESPRIT, Ströck) und Gastronomiebetriebe (z.B. McDonalds,
Starbucks) sind entindividualisierte Filialbetriebe (vgl. Siebel 2004,
S. 39). Die automatisch öffnenden Glasschiebetüren als Eingang der
Passage suggerieren dem willkommenen Einkäufer das Bild, als wäre dies
öffentlicher nutzbarer Raum, der faktisch jedoch nur bedingt öffentlich
nutzbar ist, da er mit technischen Überwachungsmitteln und von privaten
Sicherheitsdiensten kontrolliert wird (vgl. Siebel 2004, S. 30, Selle
2004, S. 139).
In vielen Fällen ist die Semiotik des so genannten 'zu verteidigenden Raumes' ungefähr so subtil wie ein großspuriger weißer Polizist. Die schicken, pseudo-öffentlichen Räume von heute - Luxus-Einkaufspassagen, Bürozentren, Kulturakropolen usw. - sind voll unsichtbarer Zeichen, die den 'Anderen' aus der Unterschicht zum Gehen auffordern (Davis 1994, S. 262).
Auch bei den unter kommunalem Einfluss stehenden Bereichen U-Bahn und Bahnhof findet man Regulierung und Ausschluss unerwünschter Gruppen. Durch zusätzliche Privatisierung des Platzes in Form des Schanigartens eines Cafes wird der noch vorhandene öffentliche Raum auf einen Bruchteil der Gesamtfläche reduziert, und die ausgegrenzten Personenkreise (Bettler, Obdachlose, arbeitslose und verwahrloste Jugendliche) werden in "Internierungsräume" verwiesen (vgl. Selle 2004, S. 143). Auch wenn die Stadt nicht mehr jener besondere Ort ist, dem das gesellschaftlich Andere abhanden gekommen ist (vgl. Siebel 2004, S. 25), schafft sie dennoch in einer Zeit starken gesellschaftlichen Wandels eine hohe Konzentration sozialer Ungleichheit. Behübschung und geplante Platzgestaltung aus dem Versandkatalog verdecken, aber beseitigen nicht die Ursachen der urbanen Probleme.